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Reise nach Israel

Dass 10 Tage so kurz sein und gleichzeitig als ein so langer Zeitraum, weil so reich an Erfahrungen, empfunden werden können, erfuhr das Jugendsinfonieorchester der Tonhalle bei seiner Reise nach Israel zu seinem Partner, dem Israel Kibbutz Youth Orchestra und seinem Dirigenten Uri Chen vom 14. - 24. Oktober 2009.

 

Auf dem Programm standen das erste Violinkonzert von Nicolo Paganini mit der erst 16-jährigen Charlotte Woronkow und Ludwig van Beethovens 5. Symphonie neben den möglichen Zugabestücken Johann Strauß „Im Krapfenwaldl“ und Leroy Andersons „Plink Plank Plunk“. 

 

Zunächst zog sich das Orchester zu vier intensiven Probentagen in das Haus St. Altfrid bei Essen zurück, wo täglich his zu 8½  Stunden geprobt wurde. Schon dort zeichnete sich ein hohes Potential ab, das es für kommende Konzerte zu sichern galt. Am Dienstag, 13. Oktober ging es am Nachmittag direkt von dort mit dem Bus zum Flughafen Frankfurt und weiter mit der Lufthansa nach Tel Aviv, wo wir am nächsten Morgen sehr früh landeten. Bis auf ein Horn hatten alle den Flug gut überstanden, für dieses wurde sofort Ersatz vor Ort durch unsere Partner und gleichzeitig dauerhafter Ersatz in Düsseldorf durch die Lufthansa zugesichert.

Die Fahrt in zwei Bussen durch Galilea und seine Hügellandschaft war traumhaft: Rechts der Sonnenaufgang, links die Ahnung von Mittelmeer,  Akko und und und ... - Kurz nach 6 Uhr früh erreichten wir Nes Ammim, eine Art „christliches Kibbutz“, das uns und das Israel Kibbutz Youth Orchestra für die nächsten Tage beherbergen sollte. Shlomit Dagan, die Managerin unseres gastgebenden Orchesters, war zeitig aufgestanden und empfing uns herzlich. Es gab ein leckeres Frühstück mit diversen Eierspeisen, Toast, galiläischen Oliven, verschiedenen Käsen, Müsli, örtlichem Obst, gewürztem Kaffee, Saft, Marmeladen aus Datteln und Rosinen ... und dann: Schlafen, Ausruhen, Pool, Chillen, nachmittags immer Obst … -

In St. Altfrid hatten wir eine Generalprobe nur für Paganini. Trotz aller Müdigkeit nach schlafloser Nacht trafen wir uns darum am ersten Abend noch für eine GP Beethoven, bei der wir um unser Niveau allerdings noch sehr ringen mussten.

Am nächsten Morgen hatten wir um 10 Uhr unser erstes Konzert: In Düsseldorfs Partnerstadt Haifa erreichten wir die Re-Ut-Schule staubedingt erst 10 Minuten vor Konzertbeginn. Herzlicher Empfang durch Dan Sagiv und Hanan Avron. Wir spielten vor begeistertem und auffallend diszipliniertem Publikum Beethoven ersten und vierten Satz, Paganini 1. Satz (Charlotte hat einen tiefen Eindruck hinterlassen) und Johann Strauss "'Im Krapfenwaldl" - es gab standing ovations - und eine Zugabe (Leroy Anderson "Plink Plank Plunk") - Stadtrundfahrt, Ausflug auf stella maris, zum Bahrein-Schrein - sehr leckeres und üppiges Mittagessen in einem Restaurant, Rückfahrt nach Nes Ammim, wo man sich am Pool versammelte. Bis 17 Uhr waren sie schließlich da ... unsere Freunde des Israel Kibbutz Youth Orchestras mit ihrer Managerin Shlomit Dagan und ihrem charismatischen Dirigenten Uri Chen.

Der kleine Probesaal - es handelt sich um das "HOPS" (house of prayer and study) - barst aus allen Nähten. Wir spielten ab jetzt mit je 19 ersten und zweiten Geigen, 8 Bratschen, 16 Celli, 6 Kontrabässen, dazu die Bläser und Schlagzeug zusammen mit 93 Musikern. Der Klang der Streicher war umwerfend, den sollten wir mal so in die Tonhalle kriegen ! Unsere israelischen Freunde sind gut !  Die Proben waren sehr anstrengend, aber sehr erfolgreich - die beiden Orchester haben in und außerhalb der Proben sehr schnell zusammen gefunden, um 2 Uhr früh musste man die deutsch-israelischen Gruppen unter Hinweis auf die Möglichkeiten des schon beginnenden neuen Tages schließlich doch nachdrücklicher einladen, zu Bett zu gehen. Wir probten an diesem darauf folgenden Freitag zunächst am Vormittag 4 und am Nachmittag 3 Stunden - dann kam unser erster Shabbat: Um kurz vor 18 Uhr versammelten sich alle Gäste und Mitarbeiter von Nes Ammim vor dem Speisesaal in gespannter Atmosphäre, um 18 Uhr öffneten sich die Türen zum festlich vorbereiteten Saal, ein Kontrabassist und ein Geiger vom Israel Kibbutz Orchestra spielten zweistimmig, der christliche (holländische) Pfarrer begrüßte alle anwesenden Gruppen und übergab an einen Geiger unseres Partnerorchesters, der die Zeremonie leitete, alle Gesänge sang, Texte vortrug, nachdem die Frauen die Kerzen angezündet hatten und alle von einem sehr süßen Wein bekommen hatten, er teilte die Brote ... alles hinterließ auch ohne direktes Verständnis der hebräischen Texte einen tiefen Eindruck. Während der Feier traf Uri ein, der den ganzen Tag über 12 Cellostunden gegeben hatte und darum erst die Abendprobe leiten konnte, und etwas später noch ein Bratscher (noch in Uniform), der zum Shabbat von seinem Militärdienst (hier drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen) entlassen und nun mit großem Jubel begrüßt worden war. Dann probte Uri noch eine weitere Stunde und danach fiel die Entscheidung, Mozarts Divertimento F-Dur KV 138 noch zusätzlich ins Programm aufzunehmen, das am Samstag früh geprobt wurde. Dieses und Plink Plank Plunk wurde in den Konzerten von Uri dirigiert, Paganini und Beethoven von mir.  

Unser erstes gemeinsames Konzert am Samstag Abend (17. Oktober) in Ma’alot wurde von Vielen von uns noch ein wenig enttäuschend empfunden. Wir kamen erst viel später als erwartet an und hatten so gut wie keine Anspielprobe, die Akustik war so trocken und alles andere als hilfreich, dass das Orchester wie unter Schock reagierte. Aber "draußen" spürte man das wohl nicht. Das vorwiegend aus russischen Immigranten bestehende Publikum war begeistert. Einige stürmten nach dem Konzert die Bühne, um uns die Hände zu schütteln und teilweise in hervorragendem Deutsch zu beglückwünschen. Aber wir haben am folgenden Vormittag noch einmal 3½ Stunden geprobt und uns auf eine womöglich ähnliche akustische Situation am nächsten Abend vorbereitet. Am Ende der Probe (13.30 h) herrschten draußen 40 Grad Celsius - und ausgerechnet ab heute hatten wir keinen Pool mehr (wegen Beginn des "Winters" geschlossen) ... -  an diesem Nachmittag teilten wir uns: eine deutsch-israelische Gruppe fuhr mit einem Bus nach Nahariyia (kurzer Ausflug), eine zweite deutsch-israelische Gruppe blieb in Nes Ammim. Dieses unterscheidet sich vom Paradies vor allem dadurch, dass wir von allen Bäumen essen durften - und es gibt viele und unsere Musiker aßen davon: Granatäfel, Mandarinen, Birnen, Limefruit, Sharonfrucht ... - Schilder weisen darauf hin, dass Regenwasser gesammelt wird, Regen fällt allerdings sehr selten - ... Klimaanlagen laufen ständig und werden häufig auf illusorische 16 Grad Celsius eingestellt, wir fragten uns, wie Israel seinen verschwenderisch anmutenden Energiebedarf deckt und fanden keine befriedigenden Antworten - … es gibt ein ausgetüfteltes Bewässerungssystem - und darum Rasen – dieses Wasser kommt aus dem See Genezareth, dessen Pegel unaufhaltsam sinkt – wie soll es weiter gehen - ?

Die Mischung aus ziemlich harter Probenarbeit und Zeit zum Chillen wirkte sehr positiv auf die Gruppendynamik, längst ist aus den beiden Gruppen ein einziges Orchester geworden ... - wir ertappten uns dabei, bereits auch nur unter Deutschen englisch zu sprechen …- wenn sich der aus drei Bussen bestehende Konvoi durch die galiläischen Berge wand, gab es keine getrennten Sitzordnungen, nach der Rückkehr in Nes Ammim ging man nicht auseinander … - 

Am Sonntag Abend endlich gelang uns der erhoffte Durchbruch auf dem Podium: Die lange Probe am Vormittag zeigte ihre Früchte, außerdem hatten wir eine ausreichend lange Anspielprobe, die Akustik war noch immer sehr trocken, aber nicht ganz so unangenehm wie am Vorabend, Uri hatte sehr klar einen sehr schönen Mozart dirigiert, Charlotte lief mit ihrem Paganini langsam und unüberhörbar zu ganz großer Form auf und wurde entsprechend gefeiert, Beethoven war leidenschaftlich, dramatisch und groß, Plink Plank Plunk rundete geistreich ab, es war toll, das Publikum war enthusiastisch... - trauriger Abschied von Uri und von etlichen Mitgliedern des Israel Kibbutz Youth Orchestras, denn nicht alle werden in Jerusalem wieder mitspielen können.

Montag (19.10.) war der erste Tag ohne Proben. Mit unseren Guides Ronit und Michal, die uns ab jetzt bis zum Ende unserer Reise begleiten sollten, machten wir einen Tagesausflug zum See Genezareth (und einmal um ihn herum), sahen den Berg Tabor (in fürsorglicher Verantwortung der Franziskaner) und wandelten dort auf den Spuren der Bergpredigt, tauchten unsere Füße dort in den Jordan, wo qua definitionem benedictinorum die Taufstelle Jesu sein soll, fuhren am Fuße der Golanhöhen das Ostufer ab und stellten uns vor, wie sich das wohl anfühlte, als diese Gegend nicht sicher war, weil von oben geschossen wurde. Nach einem leckeren Mittagessen (Restaurant - man konnte auch den berühmten "Petrus-Fisch" versuchen), besuchten wir den Ort der Speisung der 5000 mit schöner byzantinischer Kapelle, badeten bei 37 Grad Celsius im See Genezareth, fühlten sein ebenfalls weiches warmes Wasser und fuhren kurz vor Sonnenuntergang mit einem so genannten "Jesus-boat" ein Stückchen auf den See hinaus, ausgelassene Stimmung an Bord, mit Gesang (Michal mit uns allen), beat box (Bojan), Rap (Jan) und Tanzen, Rückkehr nach Nes Ammim, fare-well-dinner mit einem riesigen Applaus für die phantastische Küche ... –

Am nächsten Morgen mussten wir Abschied nehmen von Nes Ammim. Ronit und Michal zeigten uns ganz im Norden Rosh Hanikra mit seinen vom Meer in den Kalkstein geschlagenen Grotten und die beeindruckende Grenze zum Libanon mit seinen starken Sicherungen (auch durch UNO-Soldaten), wir schlenderten durch das 5000 Jahre alte arabische Akko und erreichten gegen 17 Uhr Jerusalem. Um 20 Uhr hatten wir dort in der Israel Academy of Science and Art bereits unser nächstes Konzert - mit Musikern des Israel Kibbutz Youth Orchestra - in einem sehr schönen Saal vor kleinem aber begeistertem Publikum. An diesem Tag hatte Charlotte zum ersten Mal keine Gelegenheit zum Üben, und wir überlegten, heute auf Paganini zu verzichten - Charlotte aber wollte ihn spielen, und zwar ganz - das Ergebnis gab ihr recht ! Besonders gut gelang ihr die Kadenz im ersten Satz. Sie zeigte sich auf bewundernswerte Weise mit ihrer Entscheidung zunächst mutig und sodann mit der Ausführung besonnen - Große Klasse und herzlichen Glückwunsch !

Am Mittwoch Vormittag führten uns Ronit und Michal durch Jerusalem: Nach einem ersten orientierenden Ausblick vom Skopusberg besuchten wir die Altstadt, sahen und lernten über die „Westliche Mauer des Tempels“ (die so genannte „Klagemauer“), verfolgten die via dolorosa bis zur Grabeskirche, die wir in unglaublichem Gedränge besichtigten, bevor wir vorbei an Zions- bzw. Jaffa-Tor zum Mittagessen ins Hotel fuhren. Nach kurzer Siesta gab es nachmittags drei Stunden Probe auf dem Oelberg in der Augusta Viktoria Stiftung, abends Konzert ebendaselbst in der leider überakustischen Himmelfahrtskirche, mit der das Orchester aber dank vorbildlicher Disziplin fabelhaft zurechtkam. Der Abend wurde vor erlesenem Publikum (darunter ein Konzertmeister des Israel Philharmonic Orchestra) zum absoluten Höhepunkt unserer Konzerte - standing ovations für Orchester und Solistin, die sich noch einmal übertroffen hatte. Wieder waren unsere Freunde vom Israel Kibbutz Orchestra dabei. Wieder konnten wir uns kaum trennen, eine Kontrabassistin sollte uns am Freitag noch bis Tel Aviv begleiten. Wir alle freuen uns auf ein Wiedersehen im August in Düsseldorf.

Zuvor unternahmen wir am Donnerstag einen Tagesausflug durch die Wüste Juda nach Masada, erholten uns in der Oase Ein Gedi, aßen in Qumran zu Mittag, badeten im Toten Meer und machten unglaubliche Erfahrungen sowohl mit dem spezifischen Gewicht seines so salzigen Wassers als auch mit der kosmetischen Wirkung seines Schlamms, bevor wir den Rückweg nach Jerusalem antraten - früher ruhiger Abend im Hotel.

Freitag - letzter Tag: Für den Besuch in Yad Vashem mussten wir uns in zwei Gruppen aufteilen, die nacheinander von einer aus Berlin stammenden Führerin (Sarah) durch die völlig überfüllte Gedenkstätte geführt wurden. Komplementär besuchte die jeweils andere Gruppe den jüdischen Markt sowie den Platz um die Knesseth und Menora. Yad Vashem hinterließ einen tiefen tiefen Eindruck. Es war ein unglaublicher Augenblick, als die zweite soeben fröhlich vom Markt kommende Gruppe der ersten begegnete, als diese völlig gezeichnet aus der Führung entlassen wurde. Da waren so viele Tränen geflossen, dass Sarah sich ganz offensichtlich veranlasst sah, die zweite Gruppe etwas - sagen wir - „sachlicher“ zu begleiten. Und das war immernoch sehr heftig. Gemeinsam aßen wir anschließend dort zu Mittag und bewegten uns langsam wieder zurück in die Altstadt Jerusalems. Dort war jeder frei bis 17 Uhr, wir trafen uns am Jaffa-Tor und gingen, während die Sonne unterging, gemeinsam zur Westlichen Mauer, wohin bereits viel Volk strömte, darunter vor allem die auffallenden orthodoxen Juden in ihren festlichen Gewändern und Kopfbedeckungen. Und an der „Klagemauer“ erwartete uns das nicht Erwartete: Von Klage war keine Rede. Es war auch nicht „andächtig“ und still, sondern laut und ausgelassen, es wurde gesungen, geklatscht und getanzt. So empfing man den Shabbat. Neben den sichtbar orthodoxen Juden sahen wir viele junge Soldaten in ihren Uniformen und ganz selbstverständlich mit ihren Waffen - … Recht lange blieben wir dort, sangen noch einmal mit Michal die inzwischen gelernten Lieder, begaben uns zurück zu unseren Bussen und fuhren in ein arabisches Dorf westlich von Jerusalem, wo uns ein arabisches Farewell-Dinner in einem bunt beleuchteten Garten mit künstlichem Bach und kleinen Brücken erwartete. Weiter ging es nach Rishon le Zion, wo wir am Strand in warmer Luft bei bewegtem Mittelmeer die Reise noch einmal revue passieren lassen konnten, dort erst Abschied vom letzten Mitglied des Israel Kibbutz Youth Orchestras, der Kontrabassistin Thalia, die mit uns bis hier gefahren war - über uns bereits die startenden Flugzeuge – um 23 Uhr weiter zum Flughafen, unbeschreibliche Ausreisezeremonie bis 3 Uhr früh, die einer Beschreibung durch Ephraim Kishon würdig wäre - dann erst herzlicher Abschied von unseren Guides Ronit und Michal ("wir seh'n uns wieder ...") - glatter Flug - leider erheblicher Bruch bei Celli und Kontrabässen – dafür sehr kooperative Mitarbeiter der Lufthansa - mit Bus glatt zur Tonhalle – pünktlich um 14 Uhr angekommen - glücklich und müde ... -  

In Deutschland ist alles anders - verwundert konnten wir feststellen, dass beispielsweise der Bus eine Heizung hatte … - und dass man es angenehm empfand, dass sie auch betrieben wurde - der Bus fuhr auch viel ruhiger, ohne die häufigen plötzlichen Bremsungen … - und er musste auch kein einziges Mal wenden, weil man sich verfahren hatte … -

… - aber trotzdem: Es fehlt etwas, was wir in Israel erlebt haben. Die Menschen sind dort so anders, so ausgelassen und offen, so stark im Erleben menschlicher Gemeinschaft, so authentisch in ihrer Liebe zum Leben - das Leben ist dort existentieller, man steht nicht achselzuckend daneben … -

… - und alles ist so stark ! 

 

 

 
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